Entschleunigung

Entschleunigung

Mit Entschleunigung wird ein Verhalten beschrieben, aktiv der beruflichen und privaten „Beschleunigung“ des Lebens entgegenzusteuern, d. h., wieder langsamer zu werden oder sogar zur Langsamkeit zurückzukehren – so steht es in Wikepedia.

Das scheint in der heutigen Zeit ein Anachronismus zu sein: Alles ist heute eng getaktet, schon Kinder haben häufig neben ihrem offiziellen Stundenplan in der Schule einen randvollen Zeitplan für die Freizeitaktivitäten und Hobbies. Und die Erwachsenen kommen ohne Timer nicht mehr aus und werden unruhig, wenn sich mal eine zeitliche Lücke im Kalender auftut, könnte das doch heißen, man ist unbedeutend und uninteressant geworden … – Gas geben, Beschleunigung scheint ein (neuer) Wert unserer Gesellschaft zu sein. Und wer das Tempo nicht mitgehen kann, ist entweder alt oder gehört einfach nicht dazu.

Auch Managern und Führungspersonen ergeht es nicht besser.

Ein Manager, nennen wir ihn mal, Hans Müller, sieht sich heute vor der Situation, tagtäglich von einem Meeting zum nächsten zu eilen, oft ohne nennenswerte Pause, ohne Zeit zum „Verschnaufen“ und ohne Einstimmung auf das nächste Treffen  – und abends kommt er dann endlich dazu, zwischen 18 – 20 h die Anrufe, Mails und die eingegangene Post zu bearbeiten, bevor er nach Hause fährt, um dort die Tagesereignisse der Familie zu erfahren oder sich auf den Flug zu nächsten Meeting in der Welt zu machen. Wenn Hans Müller „Glück“ hat, kann er wenigstens am Wochenende mal entspannen, oder zumindest an einem Tag des Wochenendes etwas Zeit für sich herausschinden, manchmal mit schlechtem Gewissen vor dem Ehepartner und den Kindern.

Und einem solchen hektischen Leben steht nun die Forderung nach „Entschleunigung“ entgegen. Das muss für Hans Müller wie Hohn und akademische Lehrbuchweisheiten klingen. Auch ich habe gerade im Coaching immer wieder solche „Hans Müller“, die bis zum burnout oder kurz davor arbeiten, ständig Getriebene sind, hoch engagiert und leistungsorientiert arbeiten – aber sich als Mensch mit eigenen Bedürfnissen aus dem Blick verloren haben. Es ist da eine, diesen Menschen klar zu machen, dass sie mit Ihrer Gesundheit spielen, das andere ist aber, mit ihnen gemeinsam Möglichkeiten und Optionen zu suchen, wie sie entschleunigen können. Meist ist eine kognitive Erkenntnis und Einsicht vorhanden, Fälle von Kollegen werden mir berichtet, die schon in jungen Jahren einen Herzinfarkt oder Schlaganfall bekommen haben. Die Schlussfolgerung daraus für das eigene Leben wird allerdings meist nicht gezogen. Mit dem Bild der Kerze, die an zwei Enden brennt, versuche ich, Hans Müller zu verdeutlichen, worauf diese Art von Leben hinauslaufen kann. Nicht nur die eigene Gesundheit ist gefährdet, sondern auch das Führungsverhalten leidet. Wie soll eine gehetzte Führungsperson, die „am Anschlag“ agiert, noch Motivation und Begeisterung in der Mitarbeiterschaft erzeugen – die vornehmste Aufgabe einer Führungskraft?

Häufig hilft als erstes der Blick auf das Delegationsverhalten: Meist sagt Hans Müller mir, dass er eh schon viele Aufgaben an seine Mitarbeiter delegiert hat. Nach meiner Erfahrung gibt es aber immer noch mehr zu delegieren, als Hans Müller denkt. Gemeinsam forsten wir die anfallenden Aufgaben durch und priorisieren sie. Das machen wir auch mit den Meetings und entscheiden sehr klar, zu welchen Hans Müller unbedingt selber erscheinen muss und zu welchen er Mitarbeiter schicken kann. Das ist oftmals ein großer Schritt für Hans Müller, zuzulassen, dass seine Mitarbeiter an Arbeitsgruppen und Meetings teilnehmen statt seiner selbst. Das setzt Vertrauen voraus, ein nicht trivialer Punkt: Vertrauen in die Kompetenzen der Mitarbeiter und in deren Loyalität, ihm über die Meetings und Arbeitsgruppen kurz Bericht zu erstatten. Diese Controllingaufgabe bleibt bei Hans Müller.

Schwieriger wird es, wenn die Beschleunigung im Leben eher ein Schutzmechanismus ist, wenn das ständige „unter Strom stehen“ als Vorwand benutzt wird, die „Leere“ nicht zu erleben, die entsteht, wenn man nicht arbeitet. An diesen Stellen bin ich in Coachingsituationen immer froh, dass ich neben meiner Managementerfahrung auf die Psychologin in mir zurückgreifen kann, die erkennt, wenn neben Coachinggesprächen auch psychotherapeutische Gespräche angezeigt sind. In den Coachingsitzungen arbeite ich mit dem Klient daran, die „Leere“ zu füllen mit für den Klienten sinnvollen Inhalten. Das ist immer wieder eine spannende und fruchtbare Entdeckungsreise, für den Klienten und für mich.

 Entspanne Dich. Lass das Steuer los. Trudle durch die Welt. Sie ist so schön. (Kurt Tucholsky)

© Dr. Annette Glitz, Coaching zum Thema Entschleunigung